Leseprobe

Beim Dorf erhob sich ein Berg, der weiter nach rechts, also dann frontal vor uns, immer höher anstieg. Direkt vor uns, so nach etwa 1500 Metern, erhob sich ein steil ansteigender Wald, der oben am Höhenzug endete. Links am Rand des Dorfes war ein Wachturm zu erkennen. Nur durch ganz intensives und konzentriertes Suchen konnten wir Pfosten auf dem Höhenzug erkennen. „Da, da oben, siehst du, das ist der Grenzzaun“, munterte ich Fred auf. „Ja, und da weiter rechts, ganz oben steht auch ein Wachturm“, gab er zur Antwort.“ „Ja, ja, schon gut. Schau an den Hang, endlich ein richtiger Wald“, stellte ich mit Freude fest. „Unsere Chancen steigen!“ Eben musste ich daran denken, dass wir unterwegs fast durch keinen Wald gelaufen sind. Ich hatte immer auf Wald gehofft, vergebens. Wir hatten nur Augen für die Türme und den vermuteten Zaun. Fred stellte fest: „Da oben war gestern doch alles ganz hell beleuchtet?!“ „Ja, und das wird auch heute Abend so sein. Wir haben doch die weißen Bettlaken, da sieht uns keiner. Die Tarnung ist gut“, beruhigte ich ihn. Unten am Fuße des Hanges konnten wir sehen, wie sich zwei mit Sträuchern und Bäumen bewachsene Streifen parallel durch das Tal schlängelten. Ich zeigte mit den Fingern in die Richtung und folgte dem Verlauf der Bäume: „Schau, das ist der Fluss, da müssen wir drüber.“ Von ganz weit rechts kam hinter den Bäumen, also auf der anderen Seite des Flusses, ein Militär-LKW angefahren. Ab und zu konnten wir ihn sehen. Er folgte der gestern schwach beleuchteten Landstraße. Der LKW fuhr am Fuße des Hanges frontal an uns vorbei, schwenkte dann rechtwinklig in unsere Richtung, um gleich wieder links herum, jetzt vor dem Fluss, weiter in Richtung Ortschaft zu fahren. Er hatte die Brücke, die wir gestern gesehen hatten, überquert. Auch jetzt waren mehrere Leute, es konnten nur Grenzer sein, dort zu erkennen. „Da sind bestimmt zehn Grenzer dort“, stellte Fred fest. Ich nickte zustimmend. In Gedanken war ich bei dem Fluss. Ich suchte mit meinen Augen jeden Meter ab. Ich hoffte, zwischen den Bäumen und Sträuchern eine kleine Fußgängerbrücke zu erkennen oder zumindest einen Feldweg, der frontal zum Fluss führt. Wir schauten unablässig auf die Landschaft vor uns, auf den bewaldeten Steilhang mit dem ersehnten Wald.

Immer wieder glitten unsere Blicke den Höhenzug entlang, von einem Wachturm zum nächsten. Nach einiger Zeit fuhren auf der kleinen Landstraße, aus dem Ort kommend, zwei Militär-Laster. Einer hielt auf der Brücke, der zweite fuhr weiter. Auf der Brücke sprangen Soldaten vom LKW und die Soldaten, die bislang dort Wache geschoben hatten, stiegen auf. Der LKW folgte dem anderen und verschwand nach einiger Zeit hinter den Bäumen des Flusses. Eine ganze Zeit lang sprachen wir kein Wort. „Fred, da links, da kommt jemand“, entfuhr es Fred. Fast zu Tode erschrocken schaute ich in die Richtung. Tatsächlich, auf dem Hauptweg kam ein Mann in unsere Richtung. Er zog einen Schlitten hinter sich her. „Der will bestimmt Heu holen“, flüsterte ich. Wir schauten zugleich auf unser Heulager. Ohne ein Wort zu wechseln, wussten wir zwei, er würde hierher kommen. Er kam näher. Es war ein älterer Mann, so um die 60 Jahre alt, schätzte ich.

Wir schauten uns an und zogen die Schultern hoch. Was sollten wir jetzt machen? Die Grenze vor Augen und jetzt auffliegen? Nach allem, was wir schon hinter uns hatten. Hier wohnten nur ganz hundertprozentig linientreue Genossen. Wir sind geliefert, dachte ich. Plötzlich vernahm ich ein metallisches, klickendes, ganz leises Geräusch. Fred hatte ein Messer, ein Springmesser in der Hand. Mit Druck auf einen Knopf am Griff war die Klinge herausgeschossen. Er stellte sich neben die Tür, wie ein Panther und zu allem bereit. Die Knöchel seiner Hand wurden weiß. Ich hatte kein Messer, ergriff eine alte verrostete Sichel von der Wand. Ich stellte mich auf die andere Türseite und hielt die Sichel mit beiden Händen fest, ganz fest. Ich dachte, Fred würde oben am Hals oder vielleicht am Herz zustechen. Wir durften uns nicht ins Gehege kommen. Ich senkte die Sichel etwas. Ich musste sie dem Typ in den Bauch rammen. Nicht zu hoch, vielleicht hat er ja einen breiten Gürtel an. Direkt unter den Rippen musste ich ihn treffen, und zwar mit voller Gewalt, von unten nach oben. Die Sichel musste durch seinen Mantel. Ich würde seine Leber, die Nieren, vielleicht auch das Herz von unten her treffen. Es musste klappen. Mir tropfte Schweiß von den Haaren. Mein Rücken war eiskalt, auch hier liefen Schweißtropfen herunter. Mein Hals kratzte, aus meiner Nase liefen Schnotten. Jetzt bloß nicht husten oder niesen, dachte ich. Ich hielt die Luft an, presste sie in meinen Körper. All meine Muskeln waren angespannt. Würde ich es wirklich tun? Ja, ich muss es tun! Ich hatte keine andere Wahl.

Wir standen rechts und links hinter der Tür. Der Mann hatte sich dem Eingang zu unserem Garten genähert, drehte den Kopf, schaute zu uns. Ich konnte in seine Augen schauen, er war sogar älter, als ich zuerst gedacht hatte. Nur ganz kurz hielt er inne, um dann völlig ungestört seinen Weg fortzusetzen. Er ging weiter!

Nur ruckweise und leise ließ ich die Luft aus meiner Lunge. Genauso ruckweise schnappte ich nach neuem Sauerstoff. Oh, was haben wir für ein Glück, dachte ich. Beide sanken wir zu Boden und setzten uns ins Heu. Die wahnsinnige Anspannung wich nun aus dem Körper. Ich rappelte mich wieder auf. „Ich muss sehen, was der macht. Ob er zurückkommt oder was er sonst so macht“, flüsterte ich mit zittriger Stimme. Ich musste jetzt stehen. Noch immer raste mein Herz, ich konnte gar nicht so viel Sauerstoff einatmen, wie ich brauchte. Schnell, nach Luft ringend, beobachtete ich durch einige Ritze die Gegend. Mir wurde klar, ich hätte den umgebracht, ich hätte ihn tot gemacht. Ich war zu allem entschlossen. Die oder ich, dachte ich. Scheiße, ich bin doch erst 15 Jahre alt. Was ist nur aus mir geworden? Normal ist das doch nicht. Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr zitterten meine Beine und mein ganzer Körper. Bevor ich umfalle, dachte ich, musst du dich legen. „Fred, komm, wir tauschen. Beobachte alles ganz genau.“ Er erhob sich und ich war froh, mich doch wieder legen zu können. Nach einiger Zeit sagte Fred: „Er kommt zurück, hat einen Sack auf dem Schlitten.“ Ich stand nicht auf, sondern sagte: „Pass auf, ob er unsere Hütte mustert.“ Kurz danach sagte Fred: „Er ist vorbei und schon wieder draußen. Er hat nicht auffällig hergeguckt.“ Super, dachte ich und gab keine Antwort. Einige Zeit später, ich hatte mich wieder unter Kontrolle, stand ich auf und schaute auch durch die Ritze. „Wir müssen die Gegend genau beobachten. Nicht, dass der was gemerkt hat und sich jetzt die Grenzer von allen Seiten anschleichen.“ Zusammen suchten wir die Gegend ab, die Augen blieben immer am Horizont, am Höhenzug hängen. Wieder fuhr ein Militär-Laster die kleine Landstraße hinter dem Fluss entlang. „Wo hast du das Messer denn her, hast du es die ganze Zeit bei dir gehabt?“, fragte ich. „Das habe ich von Onkel Wolfgang geklaut.“ Na ja, dachte ich, was soll es. Jetzt bloß keinen Krach anfangen. So langsam wurde es dunkel, es musste gegen vier Uhr sein. „Komm, wir gehen los, ziehe mir nur die Socken und Schuhe an“, hörte ich mich sprechen. Meine Nase lief. Die zwei Ärmel meines Mantels waren schon klitschnass, teilweise gefroren. Obwohl meine Socken noch etwas feucht waren, konnte ich sie recht gut anziehen. Bei den Schuhen war das schon schwieriger. Meine Füße waren so dick geschwollen, dass ich erst gar nicht in die Schuhe kam. Unter großen Schmerzen und mit viel Kraft hat es zum Glück doch geklappt.

Ich nahm mein Bettlaken und warf es mir über die Schulter. Die lange Seite hing nach unten. Mit der Sicherheitsnadel befestigte ich die zwei Seitenteile vorne am Hals. Fred nahm das andere Laken aus dem Beutel und tat das Gleiche. Sieht gar nicht so schlecht aus, dachte ich. Ich nahm die Kombizange an mich und reichte Fred zwei Handschuhe. Ich zog den einen an. Ich schaute nochmals durch die Ritze und sah, wie schön hell der Grenzverlauf beleuchtet ist.